Weltweit erste Bilder eines freilebenden Riesenkalmars im natürlichen Lebensraum

Seit Jahrhunderten geistert der Riesenkalmar (Gattung Architeuthis) durch Mythen und Seefahrergeschichten. Bisher gelang es nicht, ein freilebendes Exemplar in seinem natürlichen Habitat, den dunklen Weiten der Tiefsee, zu beobachten, geschweige denn zu fotografieren oder zu filmen.

Heute, 28.09.05, wurden die weltweit ersten Fotos eines freilebenden Riesenkalmars im natürlichen Lebensraum veröffentlicht.

Dieser Durchbruch nicht nur innerhalb der Kopffüßerforschung gelang Tsunemi Kubodera vom Nationalen Wissenschaftsmuseum Tokio und Kyoichi Mori von der Gesellschaft für Walbeobachtung Ogasawara bereits am 30. September 2004 vor den japanischen Ogasawara-Inseln.

Fakten

Pottwale, die Hauptbeutegreifer von Riesenkalmaren, wurden genutzt, um die Tiefen auszumachen, in denen große, im freien Wasser der Tiefsee lebende Kopffüßer einschließlich Architeuthis vorkommen dürften. Über mehrere Jahre hinweg sammelte die örtliche Gesellschaft für Walbeobachtung vor den Inseln im Nordpazifik (etwa 26-27° N, 142° E) Daten über Vorkommen und Tauchtiefen von Pottwalen, die sich jeweils von September bis Dezember dort versammeln, um im tiefen Wasser in der Nähe einer steilen und mit Cañons durchzogenen Region des Kontinentalabhangs zu jagen. An den Walen befestigte Tiefenrekorder zeichneten wiederholt und regelmäßig Tauchgänge auf, die während des Tages in 800 bis 1000 Meter und während der Nacht in 400 bis 500 Meter Tiefe führten.

Durch Funde treibender Riesenkalmar-Reste und kommerzielle Langleinenfischerei, bei der Exemplare unabsichtlich gefangen wurden, war bekannt, dass Architeuthis im Gebiet vorkommt.

Die Fotos gelangen mit Hilfe einer automatischen Kamera, die über Ködern und speziellen Haken an einer vertikalen Leine befestigt war. Diese hing, beschwert durch ein Gewicht am Ende der Leine, an Auftriebskörpern. Von der etwa 1000 Meter langen Hauptleine gingen zwei kurze Nebenleinen ab, an deren Enden ein Pfeilkalmar sowie ein Netzbeutel mit frisch zerkleinerten Leuchtgarnelen als Geruchsköder hingen. Am unteren Ende der Hauptleine war ein weiterer Pfeilkalmar direkt an einem sog. Tanzangel-Köder (spindelförmiger künstlicher Körper mit Hakenkränzen) befestigt worden. Das nach unten auf die Köder gerichtete Kamerasystem bestand aus einer Digitalkamera mit Blitz, Zeitschaltuhr, Tiefensensor, Datenrekorder sowie einem tiefenaktivierten Schalter. Bei Erreichen einer Tiefe von 200 Metern schaltete dieser das System ein, wonach über einen Zeitraum von vier bis fünf Stunden hinweg alle 30 Sekunden ein Foto mit rund 150 KB Größe aufgenommen wurde. Insgesamt wurden 23 solcher Vorrichtungen eingesetzt.

Um 09:15 griff ein Riesenkalmar in 900 Meter Tiefe und 300 Meter über dem Meeresboden den unteren Köderkalmar einer der Vorrichtungen an.

Der Angriffsbeginn konnte mit der Kamera festgehalten werden. Die beiden langen Tentakel wickelten sich dabei in Form eines Knäuels um den Tanzangel-Köder, wobei sich eine der Tentakelkeulen am Köder festhakte. Innerhalb der folgenden vier Stunden, in denen über 550 Aufnahmen gemacht wurden, versuchte das Tier mehrfach, sich durch Fortschwimmen sowie mit Hilfe seiner Arme vom Köder zu befreien. Schließlich riss der Tentakel vom Tier ab und das Tier entfernte sich.

Der 5,5 Meter lange Tentakel konnte heraufgebracht werden. Morphologische (körperbauliche) und genetische Untersuchungen bestätigten die Identifikation als Riesenkalmar.

Wenn der Tentakel an dessen Basis abgetrennt wurde, dürfte das Tier eine Gesamtlänge (Mantel- bis Tentakelspitze) von über acht Metern gehabt haben, wie Berechnungen mit Hilfe von Vergleichswerten anderer Exemplare ergaben. Der Durchmesser des größten Saugnapfs auf der Keule betrug 2,8 Zentimeter. Die großen Keulennäpfe funktionierten noch eine Zeitlang nach dem Heraufholen des Tentakels. Wiederholt saugten sie sich an Deck und an angebotenen Fingern fest.

Bisherige Versuche

In der Vergangenheit wurden mehrfach i. R. sehr durchdachte Suchexpeditionen durchgeführt, die Bilder von erwachsenen Riesenkalmaren in ihrem Lebensraum erbringen sollten. So kamen automatische, ferngesteuerte sowie an bemannten Tauchbooten und auch Pottwalen befestigte Unterwasserkameras zum Einsatz – ohne Erfolg. Nach meiner Ansicht (VM) war es nur eine Frage der Zeit, bis erste Aufnahmen gelingen würden. Die Suche nach lebenden Larven allerdings verlief vor einiger Zeit erfolgreich.

Neue Erkenntnisse und Hinweise

Uns liegen nun erstmals Informationen zu Beutefangverhalten und Aktivität freilebender Exemplare von Architeuthis vor:

  1. Das Tier jagte während des Tages in 900 Meter Tiefe. In diese Tiefe dringt kein Oberflächenlicht mehr. – Da Pottwale während des Tages hier und während der Nacht in geringeren Tiefen auf Nahrungserwerb gehen, könnte es sein, dass Riesenkalmare nachts in 400 bis 500 Meter Tiefe aufsteigen, um Nahrung zu suchen, vermuten Kubodera und Mori.

  2. Die Bilder zeigen, dass die Tentakel nicht als Angelleinen eingesetzt wurden. Sie wickelten sich in Form eines Knäuels um den Köder. – Es scheint, dass sich die Tentakel nach dem Fangschlag in ähnlicher Weise verknäulten wie ein Python, der die Beute nach dem Fang schnell mit seinem Körper umwickelt.

  3. Die Aufnahmen deuten darauf hin, dass Riesenkalmare ihre Beute in horizontaler Körperausrichtung angreifen.

  4. Über die generelle Aktivität von Riesenkalmaren wird viel diskutiert. Vielfach vermutet man in ihnen eher träge, im Wasser schwebende Tiere, die ihre Tentakel wie Angelleinen herabhängen lassen, um vorbeikommende Beute zu ergreifen. Andere Ansichten gehen von einem aktiveren Beutegreifer aus. Die neuen Fotos unterstützen letzteres; sie deuten darauf hin, dass Architeuthis zu recht kraftvollen und ziemlich schnellen Bewegungen fähig ist.

Einordnung der Ergebnisse

Die ersten Bilder eines freilebenden Riesenkalmars im natürlichen Lebensraum stellen einen Durchbruch innerhalb der Tintenfischkunde dar. Die Bedeutung dieser Aufnahmen geht weit über dieses Fachgebiet hinaus, denn nur wenige Tierarten sind einerseits so tief in unserer Mythen- und Sagenwelt verankert, existieren nachweislich und wurden andererseits als erwachsene Tiere noch nie im natürlichen Habitat gesehen.

Bisher beruhte unser Wissen über das Verhalten erwachsener Riesenkalmare, die häufig mit Riesenkraken verwechselt werden, auf den wenigen Informationen, die von Exemplaren stammten, die wohl zumeist sterbend an der Oberfläche gesichtet, gestrandet sowie von Pottwalen und unabsichtlich von Fischereinetzen heraufgebracht wurden.

Der Lebensraum von Riesenkalmaren, das freie Wasser der oberen Tiefsee von rund 300 bis etwa 1000 Meter Tiefe, ist uns Menschen aufgrund der mit der Tiefe zunehmenden Dunkelheit und hohen Drücken nur schwer zugänglich, da zu dessen Untersuchung ein hoher apparativer Aufwand betrieben werden muss (speziell ausgerüstete Schiffe, druckresistente Beprobungsgeräte und Instrumente, Tauchboote).

In diesen riesigen Weiten kann sich selbst ein Riesenkalmar, mit sicher knapp 17 Metern Gesamtlänge und bis zu 900 Kilogramm Gewicht das größte bisher bekannte einzeln lebende wirbellose Tier der Welt, mit Leichtigkeit Beobachtern entziehen, insbesondere jenen, die mit viel Geräusch und Licht auf Suche gehen.

Die vorliegenden Bilder nun wurden – nach ausgedehnten Beobachtungen des Verhaltens von Pottwalen – mit einer relativ einfachen und damit kostengünstigen Vorrichtung gemacht. Diese ähnelt den Vorrichtungen einiger vorangegangener Expeditionen, wurde aber in größeren Tiefen (bis 1000 Meter) eingesetzt.

Da Kuboderas und Moris Methode einen Riesenkalmar nachwies, stellen die gewonnenen örtlichen und zeitlichen Daten sowie die Informationen zum Verhalten von Architeuthis eine wertvolle Basis für zukünftige Expeditionen dar, die hoffentlich bald die ersten Filmaufnahmen eines freilebenden Exemplars und somit einen tieferen Einblick in Verhalten und Lebensweise erbringen werden.

Unser Wissen über die Lebensgeschichte der Riesenkalmare ist äußerst begrenzt. Wir stehen jedoch noch ganz am Anfang in der Erforschung lebender und insbesondere erwachsener Exemplare.

Quelle

Kubodera, T. & Mori, K. (2005) First-ever observations of a live giant squid in the wild. Proceedings of the Royal Society B (Vorab-Publikation).

Zusätzliche Informationen: V. Miske.

 

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© 2005 Volker Christian Miske. Alle Rechte vorbehalten. Letzte Änderung: 26.10.05.